Goppel-Dötz
Leseprobe

 

 

 

 

4. Szene


Teufel mit allem Drum und Dran am Schreibtisch sich räkelnd, nachlässig gekleidet. Es klopft.

Teuf.:

Jaaahhh. Ein feiner Herr tritt ein.

Herr: Bin ich hier richtig? Herr -? Oh, Gott!
Teuf.: Komm hier bloß nicht an mit Herr und oh Gott! Spinnst du? Den da oben lässt du gefälligst draußen! Rein hier! Mit wem haben wir denn die Ehre?
Herr: Äh, ja, Entschuldigung, Trommler, Vorstandssprecher, Ins-Knie-Versicherungen-Bausparen.
Teuf.: Soooo! Ein Edler mit unfreiwilligem Humor! Aber bitteschön, mach ruhig noch ein bisschen weiter. Wenn du fertig bist, geleit ich dich persönlich zum Schiegner, der bringt dir den Frack dann schon zum Flattern, Trommler! Auf Grundeis wird der welke Arsch dann wieder schön stramm!
Trom.: Also, wenn ich ungelegen komme - schaue ich vielleicht später nochmal vorbei?
Teuf.: Gingest gern nochmal auf die Toilette? Oder auf die Toilettenfrau? Unten raus, links übern Platz. Aber ich glaube ja wohl nicht!
Trom.: Bei allem Respekt! Nicht in diesem Ton! Ich kann mich sehr gern auch anders orientieren!
Teuf.: Aaachh. Schön, Trommler, okay, du bist hier richtig. Es hängt mir einfach langsam zum Hals raus. Früher hätte der Teufel dich geholt, heuzutage gehst du zum Teufel. Schön. Das hört sich in deinen Ohren vielleicht wie Erleichterung an! Aber nun kommen Heerscharen von euch unbedarften Brüdern hier anmarschiert! Tag für Tag! Weiß nicht, will nicht, keine Ahnung - armselige Witzfiguren! Auf diesem Resthof von Planeten, diesem Altenteil!
Trom.: Tja, was soll ich -
Teuf.: Ja, ja. Siehst du, gestern Abend ging ich mit meinem Utchen spazieren - aaahhh, mein Utchen, nicht! Oben stand die Venus, das Nachtgetier flog - wie in alten Zeiten! So. Und dann schaust du dich um: komplett armselig, im wahrsten Wortsinn aaarmseeeelig. Ich sags dir ehrlich, ich hab Heimweh gekriegt, Trommler! Ich häng nicht dran! Eiertanz, Firlefanz und Verwaltungskram, wo ich nicht mehr weiß für was! Du, es ist eine Erfolgsstory, aber es klingt wie Hohn: die Welt ist beim Teufel.
Trom.: Und selbst wenn es nicht so wäre, würden es die Pessimisten auch nicht wahr haben wollen. Darf ich eine Frage einschieben?
Teuf.: Einschie - ja.
Trom.: Haben Sie - nein, andersrum - kommt der - Herr - nein, vielleicht besser, ich frag so: praktiziert der Herr Eisenhut noch? Unterm Strich dann doch wohl nicht, oder?
Teuf.: Wie? Was? Aha. Aha. Eisen -? Was??
Trom.: Alles klar. Ich -
Teuf.: Ist heute - ist heute etwa - Dienstag?
Trom.: Sicher doch.
Teuf.: Njeee, njeee, das ist, das ist! Momentchen, ja, Momentchen, bitte, ja! Warten, Trommler, okay?! Ich bin gleich wieder da!
  Teufel ab. Erscheint wenig später mit goldenem Haar und goldener Nase im nicht billigen Anzug, und bevor er sich hinter den Schreibtisch setzt, stellt er auf diesen ein Schild: Lothar Eisenhut - Unternehmensberatung. Ein zweiter Stuhl schurrt herbei.
Teuf.: Na, nun fassen Sie sich mal, Herr Trommler, und nehmen Sie Platz! Wir haben einander ja nun schon formlos kennengelernt - also, da haben Sie mich mal komplett auf dem falschen Fuß erwischt! Dienstag! An den Dienstag hatte ich nicht mehr gedacht! Hauptsächlich und sehr viel lieber mache ich natürlich die Unternehmensberatung, die sozialen Dienste verrichte ich eigentlich nur nebenbei - und trotzdem! Zwei Seelen, ach, wohnen in meiner Brust! Pardon, Pardon, Herr Trommler, ich hoffe, Sie können den kleinen Irrtum vorerst verschmerzen.
Trom.: Aber ich bitte Sie! Es ist mir eine Ehre, eine große Ehre, Ihre persönlich Bekanntschaft zu machen - ich weiß im übrigen immer ganz gern etwas mehr Bescheid - vor allem wäre es sicherlich nicht hoch genug zu schätzen, wenn Sie sich bereitfinden würden, unser Unternehmen, das ich hier vertrete, in einer schwierigen Angelegenheit zu beraten. Kompetent, da gibt´s gar keinen Zweifel. Diskretion natürlich ist selbstverständlich.
Teuf.: Schön, schön. Aha. Also, tja, dann weinen Sie sich mal aus, nich - ich meine, lassen Sie mal die Sau raus!
Trom.: Gut. Das ist dann auch gleich mein Stichwort: Sau. Wir haben da nämlich in der Tat einen Fall, Herr - wie soll ich Sie eigentlich nennen? Satan? Oder? Faust? Nein - Fürst?
Teuf.: Eisenhut. Eisenhut ist okay. Weiter.
Trom.: Gut.
Teuf.: Wichtig bei mir ist nur, dass mir der da oben außen vor bleibt, ja!?
Trom.: Jaja! Herrgott, das ist ja wohl selbstver - oh, Gott! Nein!! Ohgottogott!! Nein! Oh Goooott!
Teuf.: Aus!! Und Ruhig. Ganz ruhig. Ganz, ganz ruhig. Es war mein Fehler, ganz allein mein Fehler! So. Ausatmen - kurz konzentrieren - weiter.
Trom.: Entschuldigung. Also wir haben da einen Fall von, wie soll ich sagen - ich muss sagen am Rande der Verzweiflung. Ja. Von missbräuchlichem Versicherungsnutznießertum. Es klingt vielleicht harmlos, aber wir wissen uns keinen Rat mehr, Herr Eisenhut.
Teuf.: Also der, zu mir zu kommen, war ja erstmal nicht der schlechteste. Interessiert mich. Doch, ja. Gehn Sie mal ins Detail.
Trom.: Gern. Aber Sie sagen´s mir bitte, wenn´s Ihnen allzu klein-klein vorkommt!
Teuf.: Oahh, mein lieber Herr Trommler! Klein-klein! Hah! Darüber denk ich gar nicht mehr nach! Warum? Alles ist klein-klein! Früher, als der da oben seine naive Monumentalphase hatte, da hatten wir hier auch entsprechend Großes! T-Rex, Iguanodon, Archäopterix, Triceratops! Ne?! Jaa. Persönlichkeiten! Wenn die um die Mittagszeit losackerten blieb kein Auge trocken, Herr Trommler! Und - Trommler - wenn die sich gepaart haben - eine Augenweide! Ausgestorben, musste alles dem selbständigen Krämer weichen, mit dem man nichts wie Arbeit hat. Aber euch gefällt´s was?
Trom.: Nja, man kennt einfach nichts anderes.
Teuf.: Okay. Gut, das kann man gelten lassen. Es ist auch nur eine Experimentierphase. Ich weiß auch nicht, was er sich so gedacht hat. Jaaah, die Saurier - haben sich auch gegenseitig fertig gemacht, hatten aber keinen Glauben! Haben sich untereinander aufgefressen, aber keine Kirchen gebaut! Na und?! Es waren fette Jahre! Die Viecher waren von sich aus fertig, da brauchte es keine Walpurgisnächte und Gretchen hinten und Gretchen vorne - was hat er denn jetzt? Armselige Kreaturen mit Fernlenkwaffen, Arbeitsschutz, Lügendetektor und Krankenversicherung, Räuberbanden-Schlussverkauf, Narzissmus, Moral und Hundertmeterlauf - und wie das hier aussieht! Die Welt ein Schoß, der den Weg alles Irdischen noch x-mal fruchtbar machen wird, wo selbst ich sage: Neee! Und was bleibt ihm da übrig? Na? Erlösung! Auch schön, nicht?! Herr Trommler, es wird eines Tages ein gutes Ende nehmen, das ist sicher. Bitteschön, von mir aus. Soll mir recht sein. Je eher, desto besser. Waren ein paar tausend magere Jahre nach 165 Millionen fetten. Geschenkt. Schauen wir einfach mal nach vorn, was, Trommler? Ja, war gut, das mal loszuwerden. Nichts für ungut. Wo war´n wir stehngeblieben?
Trom.: Ja, ich führte aus, dass wir am Rande der Verzweiflung sind. Ein Bursche, sobald er nur das Haus verlässt - Herr Eisenhut, ich kann nicht, das ist doch alles nichts für Sie.
Teuf.: Machen Sie mal ruhig weiter.
Trom.: Wie das zugeht wissen wir nicht! Der Kerl verlässt seine Bruchbude, schon hat er einen Unfall, und wir und die halbe Branche muss zahlen! Haftpflicht! Er ist schon zugegipst wie eine Mumie, hat schon Zigtausende geschunden, Sie würden´s nicht glauben, zum Gotterbarmen, und - macht weiter! Immer weiter!
Teuf.: Hm. Ein Rabauke also, der etwas arg viel Pech oder Glück hat, wie man´s nimmt, und gegen das Gotterbarmen nicht allergisch ist.
Trom.: Also so eine glückliche Pechsträhne gab´s noch nicht! Darf´s nach menschlichem Ermessen auch nicht geben, weil unsere natürliche Geschäftsgrundlage ja hierauf nicht beruht!
Teuf.: Nee, da hättet ihr ja Deutschland schon auch dagegen versichern können, dass es den 2. Weltkrieg verliert. Tja, Herr Trommler, der Braten ist nicht leicht gar, da müssen wir zunächst sorgfältig recherchieren. Wie heißt denn unser Kandidat?
Trom.: Knapp, Hans-Hagen. Brunnengasse 6 wohnt er.
Teuf.: Was?! Der Knapp?! Donnerlüttchen, mit dem haben wir´s zu tun! Aha! Ja, das ist ein schräger Vogel. Aber beseelt. Dass der noch lebt! Glückskind dann doch, nich!
Trom.: Ja! Der Teufel soll ihn holen! Oh -
Teuf.: Nana, dass wir uns nicht bei den Kompetenzen vermessen, Herr Trommler!
Trom.: Nein, gewiss nicht, freilich nicht, aber wenn Sie sagen - geht da überhaupt was zu machen?
Teuf.: Zu machen! Was wird denn gemacht? Fehler werden gemacht. Daraus muss man lernen, zu gestalten. Wir gestalten. Es ist effektiver. Wir relativieren, modernisieren, rationalsieren - was Sie wollen. Wir geleiten, quasi unmerklich, transzendent Länder, Massen, Menschen. Den einen so, den andern so. Nie gegen seinen Willen, aber - merke! - immer gegen seine Natur; nie gegen seine Überzeugung, nein, - merke! - immer gegen seinen Glauben. Es ist einfacher. Und es ist unglaublich, welche Erfolge sich damit erzielen lassen. Einen armen Teu - ein armes Würstchen kann man dahin geleiten, dass es sich einfrieren lässt, um auch noch der Nachwelt auf die Nerven zu gehn. Das bisschen Mensch - was es sich einbildet, für den guten Zweck erbarmt man sich dann. Aber mit sowas kann man dem Hans Knapp wahrscheinlich nicht kommen.
Trom.: Vielleicht würde er sich gern plastinieren in Scheiben schneiden und ins Museum stellen lassen?
Teuf.: Glauben Sie mir, ich würde es versuchen, und es hätte den Vorteil, dass wir nach der Honorarordnung für Wissenschaft/Bildung/Kultur abrechnen könnten, aber ich seh´s nicht.
Trom.: Dann wirds schwer.
Teuf.: Jaja, dicker Hund. Aber lassen Sie mich mal ´ne Weile drüber brüten, ein, zwei Tests machen, dann sehn wir klarer, und dann fällt uns schon was ein.
Trom.: Na, das mein ich doch! Aber bitte bald, Herr Eisenhut, bitte recht bald!
Teuf.: Ich tu was ich kann und so schnell ich´s kann. Aber billig wird´s nicht!
Trom.: Kein Problem, Herr Eisenhut.
Teuf.: Lothar.
Trom.: Oh! Angenehm, Ortwin.
Teuf.:

Na, dann, Ortwin, Vertrag!